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G9toBejing – Mit dem Fahrrad von Mecklenburg nach China

Thomas Schröder


30. September 2015

 

...immer noch gefesselt von meiner letzten großen Tour, überlegte ich mir, inwiefern ich meinen Traum, die Welt zu entdecken, weiterträumen könnte. Es musste ein Ziel sein, das mich in eine andere Region dieser Welt führt. Das Baltikum und Russland, das war schon die richtige Richtung, aber zufrieden war ich noch nicht. Mein Blick ging weiter Richtung Osten - Kasachstan, Kirgisistan und dann hatte ich es - China. Mein Ziel stand fest, es sollte die chinesische Hauptstadt Peking sein. Gepackt von diesem Fieber und dieser Sucht nach Glücksgefühlen war es endlich soweit, der Tag der Abreise war gekommen.

Tag 1 - Abschied

Dieser Sonntag, es ist der 26. April 2015, macht seinem Namen alle Ehre. Keine Wolke schmückt den Himmel und die Temperaturen sind dementsprechend angenehm. Mein Puls und mein Blutdruck würden wahrscheinlich jeden Kardiologen auf den Plan rufen. Es wird Zeit, dass es losgeht.

Ich fahre in Richtung Gnoiener Markt, begleitet von guten Wünschen der Passanten und Autofahrer, die mich mit weit geöffneten Augen anblicken und wohl nicht ganz glauben können, dass ich es tatsächlich tue. Währenddessen füllt sich der Marktplatz. Bei mir setzt mittlerweile der oft beschriebene Tunnelblick ein. Ich habe nur noch Augen für meine Familie, die endlich eingetroffen ist, und für meinen zweieinhalbjährigen Sohn, den ich für längere Zeit das letzte Mal in den Arm nehme. Eine Träne noch, ein letzter Kuss, dann geht es los. Das Abenteuer startet.

 

Tag 19 - Russische Grenze 

Ein junger Grenzsoldat mit einer dieser überdimensionierten Schirmmützen, die typisch für russische Uniformen sind, kommt auf mich zu. Die Kameras um uns herum halten jeden Schritt fest. Mein Puls erreicht ungeahnte Höhen und steigt in einen fast ungesunden Bereich. Der Beamte nimmt meinen Pass, sieht ihn sich an und geht damit zu einem Kollegen, was nicht zur Absenkung meines Pulses beiträgt. Er kommt mit meinem Pass zurück und schaut sich oberflächlich mein Rad an. Er blickt kurz in meine Lenkertasche und lacht mich plötzlich an. Sein Lachen lässt meine Anspannung abfallen. Er wünscht mir in gebrochenem Englisch eine gute Weiterfahrt. Es ist geschafft. 

Meine Vorstellung von einem bewaldeten Russland bewahrheitet sich schon die ersten Kilometer. Lang und mächtig bauen sich die Bäume wie Armeen vor mir auf. Russland scheint zu neunzig Prozent aus Wald zu bestehen, das ist zumindest mein Eindruck.

 

Tag 24 - Moskau

Um vier Uhr morgens ist es bereits so hell, dass für mich an schlafen nicht mehr zu denken ist. Von daher bin ich schon recht früh los, um Russlands Hauptstadt zu erobern. Ich fahre über eine Brücke, die über die Moskwa führt und stehe dann vor der berühmten Basilius-Kathedrale mit ihren Zwiebeltürmen. Wieder einer dieser unvergesslichen Momente auf meiner Reise, die mir immer wieder beweisen, dass es richtig war, dieses Abenteuer G9toBejing einzugehen. Ich stellte mein Rad ab und setzte mich vor dieses aus dem 16. Jahrhundert stammende Bauwerk, beeindruckt von den Farben und der Baukunst der damaligen Zeit.

 

Tag 68 - Hitze!

Die Hitze ist mein bester Wecker, doch leider ist dieser auf die falsche Uhrzeit eingestellt. Es ist halb sieben und mein Zelt einmal mehr eine Sauna. Ich nehme mein Rad und flüchte von diesem Ort. Zuflucht finde ich gegen Mittag an einer Brücke, da es zum weiterfahren schlichtweg zu heiß ist. Das Thermometer zeigt jetzt in der Sonne sage und schreibe 53,9 Grad an! Ich suche mir einen Schattenplatz an der Brücke, doch selbst hier sind es noch dreiundvierzig Grad. Ich schlafe, esse, trinke und beobachte Kühe die ebenso Zuflucht unter Brücke gefunden haben. So vergeht Stunde um Stunde, doch die Hitze lässt nicht nach. Gegen siebzehn Uhr entschließe ich mich trotz allem weiterzufahren. 

 

Tag 76 - Endlich Abkühlung in Sicht

Die letzte Nacht war sehr erholsam und so konnte ich den Tag ruhiger als sonst angehen lassen. Die Aussicht auf die Berge war viel klarer als gestern und man konnte den Schnee auf den Bergen förmlich greifen, so nah fühlte sich das an. Kurz vor der Grenze zu Kirgisistan lernte ich den Radfahrer Jury kennen. Jury kommt aus der Ukraine und führt einen Anhänger mit sich. Mein erster Eindruck von Jury, kohlenschwarze Hände und man sah ihm an das er nicht viel besitzt. Dafür hat er ein sympathisches Wesen. Gemeinsam sind wir dann zur Grenze. Die letzte Schranke ging auf und wir standen in Kirgisistan! Ein komisches Gefühl, weil die gigantische Bergkulisse im Hintergrund jetzt ganz nah war. 

Jetzt standen wir direkt vor den Bergen und die Straße führte bergauf. Wir beschlossen nicht mehr raufzufahren und schlugen unsere Zelte abseits der Straße, direkt neben einem Kanal auf. Wir machten ein Feuer, brutzelten unser Abendessen und Jury spielte auf seiner Mundharmonika ein wunderschönes ukrainisches Lied vor. Für einen Augenblick schien die Welt stehengeblieben zu sein, Gänsehaut. Jury und ich saßen noch eine ganze Weile am Feuer, bis ich ins Zelt bin und Jury...der schläft unterm freien Himmel.

 

Tag 90 - Völlig KO

War das ein anstrengender Tag...völlig KO vom Taldyk-Pass (3.615 m). Von heute morgen an ging es eigentlich nur bergauf. Jury und Toro, zwei Radfahrer die ich gestern per Zufall wieder getroffen hatte, waren schon frühzeitig los. Weit sind die beiden, mit knapp vier Stunden Vorsprung, nicht gekommen. Bald hatte ich Jury und Toro eingeholt und wir fuhren wieder zusammen. 

Das Wetter verschlechterte sich jetzt zunehmend, es fing leicht an zu nieseln und auch die Temperatur fiel immer weiter ab, je höher wir kamen. Wir sahen die Passstraße den Berg hochschlängeln und die nahm einfach kein Ende. Wir fuhren alle im ersten Gang und quälten uns Meter für Meter hoch. Toro und ich warteten dann immer wieder auf ihn aber Jury meinte, "fahrt ruhig schon vor, ich lasse mich abschleppen" und so kam es dann auch, ein weißer Transporter überholte uns und hinten am Seil hing Jury. Hat der das gut, im nu war er oben. 

Weit und breit nichts als Berge und dazwischen immer wieder ein paar Jurten. Nachdem wir den erneuten Anstieg gut geschafft hatten, begrüßten uns mehrere Kinder die aus einer Jurte zu uns liefen und schenken uns Ziegenmilch-Bonbons. 

Bis Sary-Tash, das ist der letzte Ort vor der Grenze waren es nur noch 5 Kilometer und es ging bis in den Ort hinein immer bergab. Die Wolkendecke riss während der Abfahrt an einigen Stellen auf. Ich war sprachlos und glaubte nicht was ich da sah, es war der Pik-Lenin Berg mit über 7.134 m Höhe. Ich fühlte mich als wäre ich am Ende der Welt angekommen. 

 

Tag 124 - Great Wall 

Die Nacht und der Morgen waren Skorpion frei, aber mulmig war mir die Nacht über schon. Weil die Beine ausgestreckt bis an die Zeltwand reichen und ich mir eingebildet habe, das der Skorpion hindurchstechen könnte. Soweit ist es zum Glück nicht gekommen. 

Gegen Mittag kam ich auf ein braunes Schild mit einer darauf gemalten Festung/Mauer und einer Sonne zugefahren. Ich dachte mir im ersten Moment nichts und schaute links und rechts, wo denn diese Festung stehen sollte. Die Tage zuvor sah ich nämlich auch immer mal wieder kleinere und größere Teilstücke einer "Mauer" und nun wurden die Teilstücke immer größer und erst jetzt begriff ich langsam was das für eine Mauer ist. Ich nahm mein Handy aus der Tasche und googelte "Chinesische Mauer Verlauf" und ein Bild vom Verlauf der Mauer bestätigte mein Verdacht, ich bin ahnungslos schon seid mehreren Tagen an der Chinesischen Mauer vorbeigefahren und mein gestriges Nachtlager war nur ca. 50 Meter von der "Mauer" entfernt. Ich stand da, war sprachlos und konnte es gar nicht richtig glauben. Ich suchte mir ein Schlupfloch im Stacheldrahtzaun und bin zur Mauer hingegangen. 

Von der Straße aus sah die "Mauer" klein aus aber als ich dann davor stand, war ich derjenige der klein aussah. Mein erster Gedanke: irgendwie habe ich mir die ganz anders vorgestellt, wenn man Bilder über die Chinesische Mauer sieht dann sieht man meist nur die richtig gut erhaltenen Teilstücke aber Mauer bleibt Mauer. Dieses von Menschenhand geschaffene Bauwerk wird mich jetzt immer wieder bis Peking begleiten. 

 

Tag 146 - Die letzte Etappe 

Die letzte Nacht habe ich mit Chung Lee (Motorradfahrer) auf einem Zimmer verbracht. Wach wurde ich trotz zugezogener Vorhänge recht früh oder war es die Aufregung? 

Gegen 9 Uhr standen wir vor unseren "Bikes". Die Temperatur war auch wieder recht schwül, 28 Grad. Ich zog die Socken und das Langarm-Shirt aus und dann ging es los auf die letzte Etappe. 

Bis auf ein paar klitzekleine Anstiege ging es ca. 70 Kilometer immer leicht bergab. Es wurde langsam lichter, die Berge lagen hinter mir und die ersten Vororte begannen. Die ersten Wolkenkratzer kamen, das war schon mal ein kleiner Vorgeschmack. Der Vorteil einer so großen Stadt sind die breiten und gut ausgebauten Radwege. Ich habe noch nie so gute Radwege gesehen. Klar sind der Verkehr und auch die Abgase von den Autos ein Nachteil, aber ich bin echt gut durchgekommen. 

An einer großen Kreuzung hielt ich, ein Radfahrer stellte sich neben mich. Ein junger Mann schaute begeistert auf mich und das Rad. Wir kamen ins Gespräch und er fragte, wohin ich will. Ich sagte ihm Beijing, irgendwo im Stadtzentrum. Er bot mir Hilfe an und sagte, dass er mich zu einem Platz bringen wird. Ich fragte ihn dann immer wieder, ob wir schon in Peking sind...Nein...Nein...meinte er und dann ein paar Kilometer später, Ja! 

Nach genau 11.453 Kilometern im Sattel, 146 Tage und 8 Ländern habe ich mein Ziel (Tian'anmen-Platz), die chinesische Millionenstadt Peking, überglücklich und wohlbehalten erreicht.

ICH HABE ES GESCHAFFT! 

G9ToBeijing